Überschrift Süddeutsche Zeitung

Altersarmut?

Da bin ich bei meinem Wochenendvergnügen und lese die Samstagsausgabe der „Süddeutschen Zeitung“. Sie hat immer ein <Buch Zwei>. Darin werden brisante Themen ausführlich dargestellt, mit Hintergrundinfos, Statistiken, persönlichen Statements von den jeweils Betroffenen. Heute: „Werde ich mal arm sein?“ Der Bericht wirft (mal wieder) die Frage auf, wie das Verhältnis von Frauen und Männern bei deren Renteneinkommen ist. Das Ergebnis ist klar: Die jahrelange Benachteiligung von Frauen hat ihre Konsequenz in der Höhe der Rente, die ihnen ausgezahlt wird. Ganz genau kann man das nachlesen im Alterssicherungsbericht 2020 der Bundesregierung.

Alterssicherungsbericht 2020 der Bundesregierung Seite 107
Tabelle C.4.2c
Persönliches Nettoeinkommen und äquivalenzgewichtetes Haushaltsnettoeinkommen von Verheirateten und Alleinstehenden nach Geschlecht

Merkmal Männlich Weiblich Gesamt
Euro / Monatlich
Alleinstehend      persönl. Nettoeinkommen 1 .816 1.607 1 .667
                        äquivalenzgew. Haushaltsnetto 1 .816 1.607 1 .667
Verheiratet          persönl. Nettoeinkommen 1 .945 955 1 .505
                         äquivalenzgew. Haushaltsnetto 1 .939 1.921 1 .931
Gesamt              persönl. Nettoeinkommen 1 .910 1.305 1 .573
                         äquivalenzgew. Haushaltsnetto 1 .906 1.753 1 .821

Vor dem Hintergrund der früher dominierenden geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung stellt der Bezug von Hinterbliebenenrenten und -pensionen für Frauen eine wichtigere Einkommensquelle dar als für Männer. 37 Prozent der Frauen beziehen eine solche Leistung, die sich im Durchschnitt auf 993 Euro beläuft. (Ende des Zitats.)

 

Soweit der Bericht mit Zahlen für die ganze Bundesrepublik. Soweit – so schlecht.

Und was hat das mit Ganderkesee zu tun? Ne Menge. Die Rente baut auf den Gehaltszahlungen des Erwerbslebens auf und genau da beginnt auch die Verantwortlichkeit der Gemeinde Ganderkesee als Arbeitgeberin. Konkrete Beispiele? Kann ich dem geneigten Leser gerne liefern:

 

Altenheim Waldesruh in Immer (heute: Seniorenzentrum Haus am Wald). Es war mal in Gemeindeeigentum. Dann war es der Gemeinde zu teuer und wurde privatisiert. Mit Abschluss der Verträge mit dem neuen Träger wurde den Mitarbeiterinnen gekündigt. Neue Verträge mit Reduzierung des Gehaltes wurden ihnen angeboten, die sie auch fast alle annahmen. Weniger Gehalt = weniger Rente. Nicht mehr öffentlicher Dienst = keine Betriebsrente (VBL) mehr.

Der überwiegende Teil des Personals ist weiblich.

Nun, da ist jetzt ein neuer Träger und man kann aus Gemeindesicht daran nichts mehr ändern.

Aber es gibt da ja noch weitere Beispiele:

Reinigung:  In den neunziger Jahren wurde auf Betreiben der FDP begonnen, die Reinigung der gemeindeeigenen Gebäude zu privatisieren. Schlanke Verwaltung, Besinnung auf die Kernbereiche und Wirtschaftlichkeit waren die Stichworte von denen sich die anderen Parteien (leider auch die SPD) damals einfangen ließen. Und so wurden damals Schritt für Schritt die Reinigungsdienste fast aller Gebäude an Private vergeben. Der Gemeinderat wollte es so. Der Personalrat konnte nur einen sozial verträglichen Übergang aushandeln. Niemand wurde entlassen. Für die bei den privaten Firmen angestellten Reinigungskräfte bedeutete dies: Keine Bezahlung wie im öffentlichen Dienst, keine zusätzliche Betriebsrente und immer befristete Arbeitsverhältnisse.

Die Reinigungskräfte sind weiblich.

Bäder oder genauer: SaunaHuus Bäder- und Saunabetriebsgesellschaft Ganderkesee mbH

Auch das war mal ein Betrieb der Gemeinde Ganderkesee. Eigentlich ist er das noch immer, aber neue Mitarbeiter*innen werden nun nicht mehr nach Tarif bezahlt. Theoretisch könnte man sie auch über Tarif bezahlen wie den Geschäftsführer. Die Praxis ist leider anders. In den Stellenanzeigen auf der Internetseite ist zum Beispiel eine Betriebsrente (VBL) nicht mehr erwähnt. Und Gehaltsvorstellungen hat der Bewerber*in mitzuteilen. Gehälter sind jetzt auszuhandeln.

Der überwiegende Teil des Personal in den Bädern ist weiblich.

Resümee: Wer sich für alle Bereich der Gemeindeverwaltung Wirtschaftlichkeit auf die Fahnen schreibt handelt in der Konsequenz gegen die Frauen.  Wer etwas dagegen tun will, muss die Bereiche, in denen man etwas ändern kann, wie Bad und Reinigung konsequent angehen.

  1. Die SaunaHuus Bäder- und Saunabetriebsgesellschaft Ganderkesee mbH muss dem Kommunalen Arbeitgeberverband beitreten. Dann gelten hier wieder Tarifverträge und die dienen dem Schutz des Personals.
  2. Der Reinigungsbereich muss wieder rekommunalisiert werden. Leider ist nun die Ausschreibung gerade wieder gelaufen, das bedeutet, dass die in den nächsten fünf Jahren die Gemeinde an die geschlossenen Verträge gebunden ist. Aber dann ist jetzt Zeit, die nicht kleine Aufgabe, die Reinigung wieder selbst zu übernehmen, gut vorzubereiten.

Das ist das, was die im September zu wählenden neue Ratsfrauen und Ratsherren tun müssen, wenn sie die Gleichberechtigung konkret fördern wollen – da, wo sie es können. Man sollte sie jetzt vor der Wahl dazu befragen!

Herzlichst

Ulf Moritz

 

 

Der ganze Bericht der Bundesregierung ist hier herunter zu laden –2020_11_BuReg_Alterssicherungsbericht 2020

 

Link zum Artikel in der süddeutschen Zeitung vom 10.4.2021:

https://projekte.sueddeutsche.de/artikel/gesellschaft/rente-in-deutschland-werde-ich-im-alter-arm-sein-e977422/?appos=ios&appname=sde&reduced=true

Bild Reinigungskraft Bild von Bild von Yerson Retamal auf Pixabay

Ein Gedanke zu „Altersarmut?“

  1. Danke für diese überaus wichtigen Informationen. Das ist nebe Radfahren und Umwelt allgemein eine weitere wichtig Baustelle.

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