Kulturelle Aneignung? Langsam nervt es!

So steht es heute in der NWZ: Aneignung? Debatte um Winnetou

Der Ravensburger Verlag hat ein Buch zum Film über den „jungen Winnetou“ vom Markt genommen. Grund: ein Shitsorm auf Instagramm über falsche kulturelle Aneignung.

NWZ 23.8.22

Winnetou – Romane von Karl May sind fiktive Geschichten. Das ist meistens so bei Romanen. Die neue Erfindung vom jungen Winnetou ist auch ein Roman. Kulturelle Leistungen sind immer auch ein Nehmen von vorhandenem und mischen mit eigenen Ideen. Austausch zwischen Kulturen, aus dieser Melange etwas Neues zu kreieren, das ist kulturelle Entwicklung. Wo wäre der Jugendstil ohne die Einflüsse japanischer Kultur? Was wäre Rockmusik ohne Blues? Darf ein weißer Mensch Musik aus Schwarzafrika aufführen? Darf Mode in Europa Einflüsse aus anderen Kontinenten aufnehmen?

Die Internetseite „Bluessource“ schreibt dazu: „Der Blues ist die Musik der Segregation. Als diese spätestens in den 60er Jahren langsam verschwand, stand auch die Musikrichtung des Blues vor einem Neuanfang. In den 70er Jahren nahm seine Beliebtheit immer weiter zu, und das nicht nur in den Vereinigten Staaten sondern auch in großen Teilen Europas und Asiens, wie zum Beispiel in Japan. Angehende Rocker sahen den Blues als eine ganz andere und neue Inspiration an, es herrschte in Rockkreisen sogar die weit verbreitete Meinung, er sei die einzige Quelle des Rock, im Bereich des Jazz sah es ähnlich aus. Der Blues schien auf einmal das zu sein, worauf alle anderen Musikrichtungen basierten.“ (1)

Ich glaube, es ist unbestritten, dass Kultur in jeder Form vom Austausch lebt. Wozu braucht es sonst eine Documenta? Es ist auch unbestritten, dass es Grenzen gibt: siehe Antisemitismusdiskussion auf der Documenta. Aber die Begriff: kulturelle Aneignung ist an sich schon grenzwertig. Wo fängt sie an und wo hört sie auf?  Kommt ein Oromo (größte Bevölkerungsgruppe in Äthiopien) nach Ganderkesee und spricht platt. Kulturelle Aneignung? Nein hier wird Yared Dibaba aus Falkenburg geradezu Botschafter für die plattdeutsche Sprache! Aramäer machen in Ganderkesee ein italienisches Restaurant auf. Italien protestiert?

Wann protestieren eigentlich die Bayern, dass sich die Norddeutschen das Oktoberfest aneignen? „Unser Herz bumperlt fia des Oktoberfest Delmenhorst.“ (Facebook) Und um zur Geschichte vom jungen Winnetou zurückzukehren: Darf man heute eigentlich noch Historienromane über vergangene Zeiten schreiben? Verfälscht nicht die heutige Sicht auf vergangene Ereignisse das wahre Erlebnis der Menschen damals? Kann man ihnen überhaupt gerecht werden? Muss nicht Karl May verboten werden? Er war nie in Amerika oder im Orient. Er hat auch kein Mitglied eines indigenen Volkes befragt, ob der mit der Darstellung der „Indianer“ in den Romanen einverstanden war.

Man mag mit vielen Dingen kritisch umgehen. Man sollte auch Grenzen beachten, insbesondere die Grenze zur Diskriminierung von Menschen oder Gruppen. Wir werden aber nicht verhindern können, dass wirtschaftliche Interessen dazu führen, kulturell geschaffene Bilder zu nutzen. Winnetou verkauft sich immer noch – machen wir einen Film über den jungen Winnetou. Kann man doof finden. Aber man darf nicht vergessen: auch Karl May, dessen Erfindungen hier ausgebeutet werden, hat munter drauf los erfunden. Man nennt das auch Kreativität!

Hüten wir uns lieber vor denen, die eine „reine Lehre“ vertreten. Selbst in der Wissenschaft ist die Debatte der Weg zur Erkenntnis. Und halten wir den Ball flach. Respekt vor anderen Kulturen ist angesagt. Nichts anderes.

Herzlichst

Ulf Moritz

 

1: https://www.bluessource.de/der-weisse-blues-die-geschichte-des-blues/

Bild von Alexander Fox | PlaNet Fox auf Pixabay

5 Gedanken zu „Kulturelle Aneignung? Langsam nervt es!“

  1. Lieber Ulf Moritz,

    danke für deine Auslassungen zur „kulturellen Aneignung“!
    Mich nervt dieses populistische Geschwafel auch schon lange – spätestens seit der Dreadlocks-Diskussion von „fff“ ist bei mir der Kübel voll. Mein Protestschreiben an die Verantwortlichen von „fff“ ist selbstverständlich unbeantwortet geblieben.
    Aber genauso nervig sind für mich die ständigen Genderdiskussionen. Ich habe bisher in meinem Bekanntenkreis keine einzige Frau getroffen, die das unterstützt. (Vielleicht kenne ich die falschen Frauen?) Wer das unbedingt bis zum Exzess betreiben will, kann das gerne tun – aber den Menschen Vorwürfe zu machen, die das nicht wollen, ist für mich völlig daneben.
    Liebe Grüße
    Hanns-Peter Iber

  2. Ich finde, das Konzept der kulturellen Aneignung eignet sich hervorragend zur Erklärung (vor allem kultuereller) Entwicklungen, allerdings nicht als Moralkeule.
    Es geht auch nicht um kulturellen Austausch zweier ziemlich gleichberechtigter, sondern beschreibt die Aneignung einer Kultur durch mächtigere.

  3. Viel Lärm um nichts. So könnte man die augenblickliche Diskussion um Rassismus und kulturelle Aneignung bezeichnen, die sich derzeit aus Anlass des Filmes um die Winnetou-Figur und ein Begleibuch auftut. Viel Lärm um nichts von beiden Seiten, wohlgemerkt. Aber diese Diskussion, ist es überhaupt eine oder haut man sich nur gegenseitig Argumente um die Ohren?, verdeutlicht wie wichtig es ist, sich mit diesen Fragen zu beschäftigen. Ob nun das Beispiel Karl May dazu geignet ist? Karl May hat sich nicht eine Kultur angegeignet, er hat vielmehr ein Kulturbild geprägt, das Kulturbild von Generationen. Den „Indianer“ wie er ihn beschreibt gibt es nämlich gar nicht, gab es auch nie. Es gab dutzende, vielleicht sogar hunderte indigene Völker, Kulturen, Identitäten auf dem amerikanischen Kontinent, die wahrscheinlich genauso unterschiedlich waren die Völker Europas, sprachlich und kutlturell. Der „Indianer“ Karl Mays ist Fiktion, genauso wie das Venedig der Donna-Leon-Verfilmungen, der Western Hollywoods, das Bild des Trappers, der wilden Wikinger usw. usw. Genauso wenig gab es eine indianische „Identität“, es gab lediglich viele Indentitäten vieler Völkern, die teilweise nicht und nichts von einander wußten. Karl May hat lediglich ein Klischee bedient, vielleicht sagar geschaffen. Und damit war er ein typisches Kind seiner Zeit. Er bedient das Klischee des „edlen“, des „guten“, des „naiven“ Wilden. Also postiver Rassismus. Aber eben doch Rassismus. Ein Klischeee, das bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts anhielt, vielleicht sogar bis heute. Erinnert sei dabei nur kurz an das Kultbuch „Der Papalagi“ („Die Reden des Südseehäuptlings Tuiavii aus Tiavea“), oder die angebliche Rede „Erst wenn der letzte Baum gerodet ist…..“. Zivilisationskritik, die den naiven, edlen Wilden in den Mund gelegt wurde. Totzdem kann Karl May weiterhin gelesen werden. Ob mit Fußnoten versehen oder nicht sei mal dahin gestellt, aber man kann auch jeden Genuss in Grund und Boden kommentieren! Und das gilt für viele, ganz viele Bücher, Filme, Musikstücke. Vielleicht müssen manche soagr neu interpretiert, neu übersetzt werden. Das passiert auch regelmässig und ist auch statthaft.
    Es geht aber auf jeden Fall nicht darum, ob wir italienisch, französisch, japanisch oder sonst wie essen gehen, in Norddeutschland Alpenfeste feiern oder gar den Bayern den „Ostfreisennerz“ missgönnen, der Zuwanderin das Dirndl dem Ruhrgebietler seine speckige Krachlederne mit Enzian. Früher trugen Jungs den Matrosenanzug und das Russen(Kosaken-)hemd. Kulturelle Aneignung? Darüber brauchen wir auch nicht zu sprechen, das ist Kulturaustausch. Und es geht auch nicht um Verbote, wie manche Diskussionsteilnehmer gleich flugs unterstellen. Oder gar das Ende der europäischen Kultur. Weder das Buch noch der Film wurden verboten, genau so weing wie ein bestimmtes Lied. Der Ravensburger Verlag hat lediglich ein Buch, ein Merchandising-Produkt, das sowieso kurz nach Druckende vergessen worden wäre und das wahrscheinlich nie ein ernsthaftes Lektorat gesehen hat, nicht in den Verkauf gebracht. Eine einfache unternehmerische Entscheidung. Nicht mehr, nicht weniger. Eine Entscheidung wie sie täglich in hunderten von Firmen getroffen wird. Die ich täglich treffe, welches Buch nehme ich auf Lager, welches nicht. Das ist keine Zensur sondern eine freie Entscheidung, für die niemand gefragt werden muß. Das Ganze ist eine Diskussion, die von einer Zeitung, die von einem Fernsehkommissar schon mal „Blödzeitung“ genannt wurde, aufgebauscht und dann von manchen Leuten begierig aufgenommen wurde. Die aber auch an der einen oder anderen Stelle, Übertreibungen sei es gedankt, sicherlich notwendig ist. Zum Beispiel dann, wenn unterstellt wird, ein Gedicht von Amanda Gorman könne von „Weißen“ gar nicht übersetzt werden, da diese sich nicht in Schwarzamerikner hinein verserzen könnten. Dann nämlich kann, darf auch kein Europäer Salman Rushdie übersetzen oder Titsi Dangarmbga. Die Regale meiner Buchhandlung wären leer. Oder dann, wenn ein Gedicht von einer Uniwand entfernt wrden muss, nur weil in ihm jemand prominiert und die Schönheit bewundert. Wenn das Maßstab ist / wird, dann viel Spaß z.B. bei Goethe („….da werden Weiber zu Hyänen…..“). Und trotzdem gehört Goethe zur wetseuropäischen Literatur! Genau wie Wagner zur Musikgeschichte. Oder Bach, der Judenhasser.

    1. Hallo Gustav,
      Da werden Weiber zu Hyänen und treiben mit Entsetzen Scherz, noch zuckend, mit des Panthers Zähnen, zerreißen sie des Feindes Herz.
      Das ist von Schiller aus der Glocke. Liebe Grüße Ulf Moritz

      1. Absolut richtig, lieber Ulf. Kleine Verwechslung der Beiden, die in Weimar so einträchtig nebeneinander stehen. Ich bitte um Nachsehen. Aber es ist auch schon sehr lange her mit dem Auswendiglernen der „Glocke“! (letztes Jahrtausend!)

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