Luther , Lucas Chranach

Luther und die Folgen

für Ganderkesee?

Heute brachte die NWZ auf ihrer Seite Hintergrund vieles zur Reformation und mich auf die Palme.  Alexander Brüggemann schreibt: „Gerade mal sechs Jahre brauchte die Reformation nach 1517, um im Deutschen Bauernkrieg Ursache von Gewalt zu werden. Wer ist Ketzer, wer Antichrist? Von da an nahm das Morden im Namen Christi kein Ende mehr: die Kappelerkriege in der Schweiz, der Schmalkaldische Krieg 1546/47, die sogenannten Hugenottenkriege in Frankreich seit den 1560er Jahren, der Englische Bürgerkrieg, schließlich der Dreißigjährige Krieg, der zwischen 1618 und 1648 halb Europa in einen Sog der Brutalität hineinzog und ganze Landstriche entvölkerte.“

Leider lässt der Autor in seinen Betrachtungen den gesellschaftlichen Hintergrund  in Europa vollkommen außer  Acht. Der Hintergrund heißt Renaissance. In dieser Zeit erstarkte das  Bürgertum, schwand der Einfluss der römisch katholischen Kirche, wollten die Fürsten mehr Macht und damit den Einfluss des Kaisers Karl V. (gewählt mit den Bestechungsgeldern, die die Fugger zur Verfügung stellten) reduzieren. Die Bauernkriege unter der Leitung von Thomas Münzer waren Aufstände der Landbevölkerung aus wirtschaftlichen Gründen. Der Schmalkaldische Krieg war ein Aufstand der Fürsten gegen den Kaiser – versteckt hinter einer Religionsfassade. Auch in dem verheerenden Dreißigjährigen Krieg ging es um alles andere als um Religion: Machtbereiche und Einflusssphären waren zu sichern bzw. zu erobern. So wurde Religion zum Deckmantel für sonst nicht zu begründende Gier nach Geld und Macht. War sie vorher schon und ist sie leider bis heute geblieben.

Der Mensch in seinen Proportionen von Da Vinci
Der Mensch in seinen Proportionen von Da Vinci

Luther hatte seinen Anteil an dem Aufbruch der Menschen in dieser Zeit zu mehr Selbstbestimmung, in der sich der Mensch zum Maßstab aller Dinge erhob. Der Gläubige sollte selbst die Bibel lesen und nicht auf den Papst hören. Er sollte selbst Verantwortung für sein Tun übernehmen.  Schließlich mündete die ganze Bewegung in der Aufklärung, die die Grundlage für unser Denken heute wurde.

Interessant ist die Graphik, die die NWZ zu diesem Beitrag abdruckte: „Christen in Deutschland“.

Zugehörigkeit zu christlichen Religionsgemeinschaften
Zugehörigkeit zu christlichen Religionsgemeinschaften

Hier geht es nur um die Christen. Sie haben zusammengenommen noch eine Mehrheit in Deutschland von 57,4 %.  Kein Wunder, wenn die Ökumene den beiden großen Kirchen immer wichtiger wird. Es ist ja auch so, dass in den Stadtstaaten und in insbesondere in den neuen Bundesländern der Anteil der Bevölkerung, der überhaupt noch eine Bindung an die Kirchen hat, weit unter der 50 % Marke liegt. In Sachsen zum Beispiel bei 25% und Sachsen Anhalt bei 18%.

Aus diesen Zahlen ergeben sich aber für den Staat, für die Länder bis hinunter zu den einzelnen Gemeinden wie Ganderkesee ganz erhebliche Folgen. Die Religionen fallen als Stifter unseres Wertesystems aus und deshalb zunächst mal die Frage:

Was eint dieses „Volk“ oder diese „Nation“?

Eine deutsche Leitkultur wird man Friesen und Bayern, Sachsen und Badensern, Sorben und Rheinländern sicher nicht vermitteln können. Haben sie nicht und sie wollen sicher auch ihre Eigenheiten behalten. Religionen sind gänzlich untauglich, eine gemeinsame Identität zu vermitteln. Das zumindest hat der Artikel für die Vergangenheit deutlich aufgezeigt. Und auch die Gegenwart, die geprägt ist von sich aufs Blut bekämpfenden Sunniten und Schiiten oder zum Hass (auf die Rohingya) aufrufenden buddhistischen Mönchen, lässt keinen Raum für Hoffnung auf einen friedlichen Einfluss der Religionen. Keine regionalen Traditionen können und dürfen hier zur Leitlinie für die Beurteilung werden, was richtig und was falsch ist.

Bundesgesetzblatt von 1949 mit der Darstellung des Grundgesetzes
Das Grundgesetz

Wir müssen uns auf anderes besinnen. Und da gibt es ein Gesetz, welches nicht nur geeignet ist sondern auch ausdrücklich dafür geschaffen wurde: Das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland.

Und was hat das Thema mit Ganderkesee zu tun?

Jedenfalls mehr als nur ein paar Thesen in der NWZ symbolisch an die Tür der evangelischen Kirche zu nageln, die ein bisschen mehr Grün für Ganderkesee fordern.

Ich muss mal wiederholen, was ich anlässlich der Hochzeit eines lesbischen Paares geschrieben habe. Das betrifft vor allem die Forderung nach mehr politischer Bildung, damals ausgehend von der Diskussion um die Volkshochschule.

Die VHS sollte den konkreten Auftrag erhalten, mehr politische Bildung zu machen. Damit meine ich nun nicht einen Vortragsabend oder eine netten Kurs über das Grundgesetz, in dem ein kleiner Kreis über die Probleme der Welt lamentiert. Das muss viel konkreter und gezielter sein: Fortbildung für Erzieherinnen über die Integration von Flüchtlingskindern in die Gruppen und wie nehme ich deren Eltern bei der Frage der Geleichberechtigung der Geschlechter mit. Kurse für Lehrer, die lernen müssen, wie man mit religiöser Intoleranz umgeht, wie ich strenggläubige Eltern überzeuge, das Sexualkunde nicht des Teufels ist, und das Mädchen schwimmen lernen sollten.  Das wären nur zwei von hundert Beispielen.

Wichtig ist: Die Gemeinde Ganderkesee betreibt nicht nur eine Bildungseinrichtung. Politische Bildung fängt im Kindergarten an. Schreckliche Aussage? Klingt nur für die schrecklich, für die Politik immer ein garstiges Ding ist. Aber die Grundrechte im Grundgesetz sind eben auch Leitlinie für den Alltag: Unverletzbarkeit der Menschenwürde heißt nämlich ganz einfach: Respekt vor der Würde des anderen, ob er nun Schweinefleisch ist oder nicht. Erziehung dazu, Konflikte ohne Gewalt zu lösen.

In Ganderkesee leben Menschen verschiedener Religionen und auch viele, ohne jede Religionszugehörigkeit. In Ganderkesee leben Menschen aus mehr als 20 Nationen. Für alle kann und darf es nur ein gemeinsames Dach geben, das ist das Grundgesetz und alle auf dieser Basis beschlossenen weiteren Gesetze.

Ich wünsche mir mehr Mut in dieser Gesellschaft, dieses gemeinsame Dach offensiv zu vertreten.

Herzlichst

Ulf Moritz

Der Link zum Artikel der NWZ:
https://www.nwzonline.de/hintergrund/bonn-reformation-grosse-kirchen-um-versoehnung-bemueht_a_32,1,906015287.html

Der Link zu den Publikationen des Bundesamtes für Statistik. Hier auf die Broschüre mit den Daten aus dem Zensus 2011, Seite 44 ist die interessante Graphik:
https://www.destatis.de/DE/Publikationen/Thematisch/Bevoelkerung/Zensus/ZensusBuLa5121101119004.pdf?__blob=publicationFile

Der Artikel der NWZ Thesen für Ganderkesee:
https://www.nwzonline.de/oldenburg-kreis/kultur/ganderkesee-thesen-fuer-ganderkesee-anlieger-entlasten-und-ort-begruenen_a_32,1,906200565.html

 

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