Ganztagsbetreuung – schlecht für Kinder?

Ich hatte eine Presseerklärung der SPD verschickt, in der ich die Beschlüsse des Bundesrates und des Bundestages zur Einführung der Ganztagsbetreuung für Grundschulkinder begrüßte. 220210907 Ganztagsbetreuung Grundschulen.

Daraufhin erhielt ich von Frau Dr. Erika Butzmann aus Wildeshausen folgende E-Mail, die ich hier mit ihrem Einverständnis veröffentliche. Ich will damit zu einer Diskussion anregen und freue mich auf viele Kommentare. Hier kommt die E-Mail:


Sehr geehrter Herr Moritz!

Sie vermissen politische Diskussionen. Zur Ihrer „Vorfreude auf die Ganztagsbetreuung“ der Grundschüler (Weser-Kurier von gestern) möchte ich hier eine Diskussion anzetteln.

Eine Ganztagsbetreuung von Anfang an nutzt ausschließlich den Erwachsenen, für deren Bedürfnisse die Politik sich einsetzt. Zwar sollen die Grundrechte der Kinder ins Grundgesetz, sie werden aber nicht gefragt, ob sie den ganzen Tag in Kita und Schule wollen. Krippenkinder zeigen Belastungen und ihre Abneigung durch anhaltendes Weinen und auffälliges Verhalten, Kita-Kinder durch hohe Unruhe und Verweigerungen, Grundschulkinder beamen sich weg mit ihrem Smartphone. Für die Persönlichkeitsentwicklung der Kinder kommt bei der Ganztagsbetreuung im Kern nur heraus, dass sie funktionieren müssen. Sie werden als Ware angesehen, die als Humankapital für die Wirtschaft tauglich werden muss.

Versüßt wird den Kindern die ganze Geschichte mit materiellem Wohlstand, der während der ganzen Kindheit wirkt, danach jedoch die Defizitgefühle zu Tage fördert, die durch mangelnde emotionale Stabilität entstehen. In alle anderen Ländern können Sie erleben, was die Ganztagsbetreuung von Anfang an bewirkt:  die ständigen Proteste in Frankreich, die Jugendkrawalle in England (Unicef-Studie dazu: die Eltern haben keine Zeit und verwöhnen die Kinder mit Materiellem), die aktuellen Jugend-Krawalle in Belgien und den Niederlanden, die ständigen Bemühungen der Dänen, ihre Arbeitnehmer vor Burn-out zu bewahren. Ganz zu schweigen von den gesellschaftlichen Problemen in Ost-Europa.

Mir ist klar, dass dies wegen der Kürze plakativ ist. Als Entwicklungspsychologin weiß ich jedoch, dass alle positiven Fähigkeiten durch das Vorbild der Eltern in der Familie entstehen, was staatliche Erzieher nur in geringem Maße leisten können. Ebenso weiß ich, dass es für einen Teil der Kinder vorteilhaft ist, den ganzen Tag außerhalb der Familie zu sein.

Als Lösung für die Problematik kommt nur das in Frage, was der kluge SPD-Mann Stahmer schon vor Jahren deutlich gemacht hat: Die Halbtagsgesellschaft. Eltern dürften in der Familienphase über mindestens 10 Jahre nur die Hälfte arbeiten, d.h. sie müssten sich tageweise abwechseln, drei Tage der eine, zwei Tage der andere, so dass die Kinder am frühen Nachmittag immer jemand zu Hause vorfinden. Die ersten drei Jahre müssten die Kinder ganz zu Hause bleiben können, weil deren Entwicklungsbedürfnisse eine Fremdbetreuung nicht zulassen. Dann wäre die Ernährung der Kinder besser, die Familien kämen mit einem Auto klar (verringert den klimatischen Fußabdruck), der Stress in den Familien würde weniger, so dass es weniger Scheidungen gäbe, das demokratische Verständnis der Kinder könnte sich ohne Bildungsprogramm entwickeln. Die Kinder würden sich freier und mehr bewegen, hätten die Ruhe für die Ausbildung ihrer besonderen Talente.

All dies erforscht Prof. Nico Peach ebenfalls seit Jahren, dringt jedoch in die Echo-Kammern der Politik auch nicht vor. Seine Postwachstumsökonomie beschreibt, wie das gehen kann. Denn ohne Verzicht auf unseren überbordenden Wohlstand werden weder die Kinder noch das Klima gerettet.

Die Gemeinde Wardenburg hat mich auf Betreiben einer SPD-Frau gebeten, zu diesem Thema eine Vortrag vor dem Bildungsausschuss zu halten. Dort macht man sich wenigstens Gedanken über das, was der politische festgelegte Anspruch auf Ganztagsbetreuung von Anfang an für die Kinder bedeutet..

Es reicht einfach nicht, wenn die Familienpolitik sich immer darauf zurückzieht, nur die Wünsche der Eltern zu befriedigen; denn viele Eltern vertrauen darauf, dass die genannten positiven Effekte vorhanden sind. Das stimmt jedoch für die Kinder aus funktionierenden Familien nicht.

In der Hoffnung, dass dies zum Nachdenken anregt, grüße ich Sie sehr herzlich
Erika Butzmann


Soweit die E-Mail:

Ich möchte hier gleich zu einigen Punkten meine Meinung dagegen stellen und hoffe, dass auch die zum Nachdenken und zur Diskussion anregt.

  • Wie bei der Krippe und dem Kindergarten handelt es sich auch bei der geplanten Einführung der Ganztagsbetreuung für Grundschulkinder um ein Angebot. Niemand wird gezwungen, das Angebot wahrzunehmen. Es eröffnet sich durch die Ganztagsbetreuung für Eltern eine bessere Planungsmöglichkeit für das Leben ihrer Familie. Und zwar eine zuverlässige.
  • Wer wenn nicht die Eltern soll entscheiden, wie ihre Kinder aufwachsen. Es ist im Normalfall ausschließlich Sache der Eltern, den Weg ihrer Kinder bis zur Volljährigkeit zu bestimmen. Ausnahmen davon (auf die auch Frau Butzmann hinweist) regelt das Vormundschaftsgericht in Zusammenarbeit mit dem Jugendamt. Und hier sind zu Recht die Hürden für Eingriffe ins Bestimmungsrecht der Eltern groß.
  • Als Sozialpädagoge weiß ich, dass Kinder am meisten darunter leiden, wenn ihre Eltern nicht klar im Verhalten den Kindern gegenüber sind. Das sind sie manchmal gerade deshalb nicht, weil sie warum auch immer, arbeiten müssen, ihnen aber eingeredet wird, das wäre schlecht für die Kinder. Diesen Zwiespalt spüren dann auch die Kinder.
  • Ich sehe nicht, dass die erwähnten Jugendproteste in Frankreich und anderswo ein Ausdruck der Vernachlässigung der Kinder durch die Eltern sind. Hier zeigen sich gesellschaftliche Probleme, die vielfältige Ursachen haben. Die zu bekämpfen ist Aufgabe der Politik.
  • Die Halbtags – Gesellschaft als Lösung aller Probleme anzustreben, ist ein ehrenwertes Ziel. Aber leider derzeit eine Utopie. Schneller geht es sicher, die Bedingungen für Familien zu verbessern, Arbeit und Familie verträglich zu leben. Das wollen viele Familien, sie dabei zu unterstützen ist Aufgabe der Politik.

Ich glaube auch  nicht, dass die Ganztagsbetreuung von Anfang an ausschließlich den Erwachsenen nützt, wenn die Krippe, die KiTa, der Hort personell und sachlich gut ausgestattet sind.

Ich freue mich auf viele Kommentare!

Herzlichst

Ulf Moritz

 

Ein paar Links zu Blogs, die sich aus der Sicht von Eltern mit dieser Thematik befassen:

Mein Alltag ist ihre Kindheit?

Rollenwechsel und Vollzeit-Versuch

Kinder in der Schule begleiten | Über die Schulzeit mit drei Kindern

Titelbild: Bild von tolmacho auf Pixabay

4 Gedanken zu „Ganztagsbetreuung – schlecht für Kinder?“

  1. Es sind schon ganz schön waghalsige Behauptungen, die Frau Butzman da aufstellt. Sind es nicht eher soziale Missstände, die z.B. in Frankreich Ursache der Unruhen sind? Und kommen die Akteure dieser Unruhen nicht vielleicht gerade aus Familien, wo alle Elternteile immer zu Hause sind, weil arbeitslos? Dann müsste die Kinderaufzucht da eigentlich doch wunderbar funktionieren. Eigentlich, wenn die Welt sich so verhielte wie Frau Butzmann sie sehen möchte. Natürlich sind die Eltern die vorrangigen Bezugspersonen und Vorbilder der Kinder. Das ist aber nur die eine Seite der Geschichte. Denn, funktioniert das denn in allen Familien, schon allein auf Grund des Einkommens, das von der mitarbeitenden Frau gesichert wird / gesichert werden muß? Oder gar bei Alleinerziehenden, die den Lebensunterhalt gar nicht anders sichern können. Was nützt es wenn in Familien gut ausgebildete, hoch motivierte Frauen der Kinder wegen zu Hause bleiben und dann ihre Unzufriedenheit ggf. auf das Kind übertragen? Hat Frau Butzmann in Wirklichkeit nicht nur einen verengten Blick auf einen bestimmten Teil der Gesellschaft, das etablierte und gut versorgte Bürgertum. Und geht es den Kindern da wirklich so gut wie sie unterstellt. Kümmern sich Frauen, nur weil sie zu Hause bleiben besser um die Kinder? Ist eine zufriedene Mutter vielleicht doch die bessere Mutter? Ein Blick in die Geschichte (der Erziehung, des sozialen Zusammenlebens) belegt da ganz schnell, so einfach ist das nicht! Ich denke mir, sie hängt dem Zerrbild einer idealisierten Gesellschaft nach, die es derzeit nicht gibt. Vielleicht auch nie gegeben hat. Und auch in absehbarer Zeit nicht geben wird. Frau Butzmann sieht die Frage isoliert von den allgemeinen gesellschaftlichen Umständen, und muss dann, um ihren Standpunkt zu belegen, zu ihren waghalsigen Behauptungen greifen. Außerdem verkennt sie dabei auch, wo sollen Kinder in der heute vorherrschenden Kleinfamilie eigentlich Sozialverhalten lernen, wenn sie für die zu Hause gebliebene Mutter den Mittelpunkt der Welt darstellen? Sozialverhalten lernen Sie doch eher in der Gruppe, als Kinder unter Kindern, gleichberechtigt, auch über verschiedene gesellschaftliche Gruppen hinweg und nicht isoliert im Milieu des Elternhauses. Die Familienkonstellation, der Frau Butzmann offensichtlich unterschwellig nachhängt, ist eine, in der Familienverbände größer waren als sie es heute sind, wo Familien enger und mit mehr als 2 Generationen zusammenlebten. Nur diese Famlien gibt es heute kaum noch. Ob das so richtig ist, das mag durchaus kritisch hinterfragt werden. Aber allein die Frage Kinderbetreuung außerhalb der Familie „Ja“ oder „Nein“ vermag diese Frage nicht zu beantworten. Das sind vorher andere gesellschaftliche Fragen zu klären.

    1. Mein Ausführungen bezogen sich für die Grundschulkinder nur auf den Nachmittagsunterricht! Das gilt auch für den Kindergarten. Es wäre schön gewesen, wenn Herr Förster meine Mail genauer gelesen hätte. Meine Einschätzung der Gründe für Proteste in anderen Ländern betreffen natürlich nur einen, aber einen wichtigen Aspekt. Ansonsten liegt es wohl eher am politischen Willen, welche Schwerpunkte in einer Gesellschaft im Hinblick auf die Familienpolitik gesetzt werden.

  2. Durch meine Arbeit mit Grundschulkindern in 5 verschiedenen Grundschulen kann ich Frau Dr. Butzmann nur zustimmen. Man merkt sofort, welches Kind eine Krippenzeit hinter sich hat und welche Kinder nachmittags im Hort untergebracht werden, weil beide Eltern arbeiten. Zufriedener und ausgeglichener waren die anderen Kinder. Als Mutter habe ich mich damals während der Grundschulzeit unseres Sohnes, in der ich bewusst nicht mehr fest angestellt war, sehr unter Druck gesetzt gefühlt. Der Druck kam von den arbeitenden Müttern. Ich wurde schief angeschaut und belächelt. Natürlich konnten wir in dieser Zeit nicht so oft in den Urlaub fahren, wie die anderen. Aber dafür hatte unser Sohn frisches gesundes Essen auf dem Tisch und viel Zeit für eine sehr kreative Entwicklung ohne Stress.

  3. Lieber Ulf Moritz, ich kann sowohl in Ihrer Argumentation, als auch in den klaren Äußerungen von Frau Butzmann viel Richtiges finden.
    Das Problem, durch das die Ganztagsbetreuung überhaupt aufgekommen ist, liegt daran, dass in sehr vielen Familien zwei Einkommen benötigt werden, um über die Runden zu kommen.
    Sie sagen ganz richtig: „Schneller geht es sicher, die Bedingungen für Familien zu verbessern, Arbeit und Familie verträglich zu leben. Das wollen viele Familien, sie dabei zu unterstützen ist Aufgabe der Politik.“ Da muss unsere Gesellschaft ansetzen, aber selbstverständlich ohne den Anspruch, dass der Mann der Alleinversorger der Familie ist.
    Es gibt viel zu tun (sorry, das ist der FDP-Wahlspruch), also müssen wir wir das auch vehement anpacken.
    Noch eine Anmerkung: Meine Schwester war lange Jahre Leiterin einer KITA; ihre Erfahrung war, dass insbesondere Familien ihre Kleinstkinder und Kinder in die Betreuung gegeben haben, die wohlstandsmäßig gut da standen und (frei heraus gesagt) keine Lust hatten, sich den Ganzen Tag mit ihren Kindern herumzuplagen.

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